
Warum
braucht man noch mehr Wohnbau, wenn die Bevölkerungszahlen zurück
gehen, die Landschaft zersiedelt ist und den Umfragen nach die Mehrheit der
Menschen vom Häuschen im Grünen träumt?
Weil die Menschen sich immer noch nach ihrem vermeintlichen Glück
sehnen. Fast jeder Wohntraum setzt sich zusammen aus der Suche nach dem
privaten Glück, nach eigenem Besitz und endet bei der Villa am See
und nicht bei der Geschosswohnung in der Stadt. Die Folgen für die
Städte sind fatal, sie verlieren auf lange Sicht ihre Einwohner und
meist sind es die Jungen mit hohem Bildungsstand und Kaufkraft, die der
City den Rücken kehren. Suburbanisierung tritt eine Lawine von Problemen
los: sinkende Steuereinnahmen, Überalterung, Bildung sozialer Brennpunkte
durch Spaltung der Bevölkerungsgruppen, erhöhtes Verkehrsaufkommen
und Verlust der Erholungsfunktion des stadtnahen Umlandes durch Zersiedelung.
Wien ist zwar nicht mit Dimensionen wie das deutsche Ruhrgebiet konfrontiert
(Duisburg beispielsweise hat in den letzten 30 Jahren rund 20 % seiner
Bevölkerung ans Umland verloren 1), doch eine Stadtflucht ist auch
hier zu belegen. Ergebnisse der Volkszählung 20012 ergaben gegenüber
1991 einen Bevölkerungszuwachs in Gesamtösterreich von 3 % und
in Wien von 0,7 %. Wien hat somit im Vergleich zu den anderen Landeshauptstädten
Linz –9,6 %, Graz –4,9 %, Insbruck –4,0 %) nicht an
Einwohnern verloren, doch ist die geringere Bevölkerungszunahme Wiens
im Vergleich zum Rest Österreichs in großem Ausmaß in
der Verlagerung von Wohnsitzen in das nähere und weitere Stadtumland
zu suchen. Bei der Betrachtung der bezirksspezifischen Bevölkerungszuwächse
ist eindeutig belegbar, dass die Innenbezirke ausnahmslos Einwohnerrückgänge
aufzuweisen haben, während die Außenbezirke bis zu 28 % zulegten.
Abgesehen von den negativen Folgen für die Städte entpuppt sich
das linear angeordnete Wohnen im so genannten „Grünen“ vor
der Stadt auch nicht als der angestrebte Wohnraum. Die 2-3 m Grünraum
zwischen den Häusern sind in der Praxis meist nicht mehr als ein arbeitsintensives Ärgernis
und bieten wenig Freiraum für persönliche Entfaltung.
Statistisch gesehen verlieren Pendler Jahre ihres Lebens mit den
zwei Händen am Steuer ihres Wagens. Die Unzufriedenheit in den Familien
wächst, da das kulturelle und soziale Leben oft stark eingeschränkt
ist oder man vollends darauf verzichtet.
Wenn man den Nachbarn also weder sieht noch hört, ein privater Freiraum
zur Verfügung steht, könnte eine Stadtwohnung viel luxuriöser,
als die Landwohnung im freistehenden Haus sein. Unter diesem Aspekt ist
die angebliche Entscheidung für das Häuschen vor der Stadt nicht
die Entscheidung gegen die Wohnung in der Stadt, sondern nur gegen die
unzureichenden Wohnmöglichkeiten.
Projekte für neuen Wohnraum werden in Wien vorwiegend unter der schützenden
Hand der MA 50 (Wohnbauförderung) im großen Maßstab am
Stadtrand realisiert. Kommerzielle Investoren legen ihr Geld lieber in
Büros, Einkaufspassagen oder -center an, bei welchen zwar oft das
Risiko besteht, anfangs aus Gründen des Überangebots leer zu
stehen, die aber längerfristig trotzdem höhere Renditen versprechen
als Wohnungen. Daher bleiben die Innovationen im Wohnungsbau meist auf
der Strecke, denn wo das Geld knapp ist, vertraut man auf das Herkömmliche.
Während in Automobil- und IT-Branche, aber auch bei Bauaufgaben von
Museen, Flughäfen, Bahnhöfen und Stadien die neuesten Technologien
und futuristisches Design zum Einsatz kommen, scheint die Wohnung noch
immer auf dem Stand von vor Jahrzehnten stehen zu bleiben. Und das, obwohl
sich in diesen Jahrzehnten die gesellschaftlichen Strukturen erheblich
geändert haben. Der typische Wohnungsgrundriss, auch im Neubau, orientiert
sich nach wie vor an der Kleinfamilie, die allerdings längst ihre
Bedeutung verloren hat. Die heutige Vielfalt an Lebensstilen verlangt nicht
unbedingt nach spezifischen Grundrissen, sondern nach flexiblen Typen,
die es möglich machen, mit einfachen Mitteln auf wechselnde Lebensumstände
zu reagieren.
Das Zusammenleben in der Stadt bietet unersetzbare Vorteile, sobald
sich die Vielfalt des urbanen Lebens direkt und greifbar vor der eigenen
Haustür
abspielt. Die sehr individuellen Bedürfnisse von Menschen vervielfachen
sich in der Stadt tausendfach, wodurch kollektive Einrichtungen erst möglich
werden. Eine Stadt ist mehr als die Summe ihrer Einwohner. Sie hat die
Möglichkeit , einen Überfluss an gesellschafltichem Angebot hervor
zu bringen. Dies ist einer der Gründe, warum Menschen einer Gemeinschaft
den Vorzug gegenüber der Abgeschiedenheit geben.
Genau das beweisen bereits realisierte und funktionierende Projekte.
Nur in den seltensten Fällen handelt es sich dabei jedoch um Bauten
aus öffentlicher Hand. Für die „Sargfabrik“ (BKK2
1996) und ihr Nachfolgeprojekt die „Missis“ (BKK 3 2000) bildete
sich eine Interessengemeinschaft, um ihre „Träume“ zu
verwirklichen. In Berlin wurde sogar der Architekt Wolfram Popp selbst
zum Bauträger seines „Estradenhauses“ am Prenzlauer Berg
(1998). Mieter und Käufer waren schnell gefunden.
Wohnungsbau ist eine der spannendsten und ursprünglichsten Aufgaben
des Architekten. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Weiters steht heute
der Wohnungsbau im besonderen Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen
und ökologischen Anforderungen und Bedürfnissen der Nutzer. Tatsache
ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung vom Haus mit Garten träumt.
Dies muss jedoch in Einklang gebracht werden mit der Notwendigkeit nach
verdichtetem Bauen, um den Verbrauch weiterer Grünflächen, die
fortschreitende Zersiedelung der Landschaft und das dadurch hervorgerufene
Verkehrsaufkommen zu stoppen. Man braucht neue Konzepte!
1 wdr.de, Stadtflucht in NRW, Stand vom 19.07.2001
2 Statistisches Amt der Stadt Wien, Ergebnisse der VZ 2001 für
Wien